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Ansprachen zum Gedenken an Leonard Bernstein Constantin Floros „Über Leonard Bernstein“
“Über Leonard Bernstein“ Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Freunde, Leonard Bernstein, der Ehrenpräsident unserer Vereinigung, ist am 14. Oktober verstorben. Der zweite Teil dieses Abends ist als Gedenkstunde gedacht. Es ist nicht meine Absicht, einen Nachruf auf den weltberühmten Künstler zu versuchen. Ich möchte vielmehr einige Worte zu einem Thema sagen, dem ich besondere Bedeutung beimesse: Die Beziehung Bernsteins zu Gustav Mahler. Bernstein ist einmal gefragt worden, ob er sich mit Mahler identifiziere. Er verneinte die Frage nicht, sprach vage und andeutungsweise von Ähnlichkeit. Ich glaube, daß Mahler Bernsteins Leitbild war und daß er seine Entwicklung als geistiger Mensch entscheidend beeinflußt hat. Bernstein ist einer der universellsten Musiker unserer Zeit gewesen, vielleicht der universellste. Er war nicht nur als Dirigent und Komponist weltberühmt, sondern auch als Pianist, Liedbegleiter und Musikpädagoge. Er dirigierte und komponierte. Er selbst sprach von einem Hin- und hergerissen-Sein zwischen Darstellen und Schaffen und meinte, diese Kluft könne einen schizophrenen Effekt bewirken. Denn die eine Arbeit finde in größter Öffentlichkeit und die andere in größter Einsamkeit statt. Und er erklärte seine zeitraubende Tätigkeit als Dirigent aus einem starken Kommunikationsbedürfnis heraus. Er verspürte in sich den Drang, die Erregung und Begeisterung, die ihm zur Musik einfiel, mit möglichst vielen Menschen zu teilen. Ähnlich mag es Gustav Mahler ergangen sein. Das Komponieren war sein Lebensinhalt. Er beklagte sich darüber, daß er nicht genügend Zeit zum Komponieren habe, weil ihn das Schicksal an die Galeere Theater gekettet hatte. Aber er konnte sich von dem Dirigieren auch dann nicht loslösen, als er es eigentlich aus finanziellen Gründen nicht nötig hatte, öffentlich aufzutreten. Nach seinem Scheiden aus der Wiener Hofoper behielt er seine Lebens- und Arbeitsgewohnheiten bei: Während der Saison dirigierte er, in den Sommermonaten komponierte er. Vieles deutet darauf hin, daß Mahler den Kontakt mit dem Publikum brauchte, auf ihn nicht verzichten mochte und konnte. Bernstein verbindet mit Mahler seine Zugehörigkeit zum Judentum, und bei beiden sprengt eine tief empfundene Religiosität die konfessionellen Schranken. Der Jude Mahler konvertierte zum Christentum und fühlte sich zum Ritus der katholischen Kirche hingezogen, doch vermochte er nicht, das lateinische Glaubensbekenntnis zu vertonen. Dafür verstand er die Achte Symphonie als seine Messe und zugleich als sein “Geschenk an die Nation“. Sowohl die Zweite als auch die Achte Symphonie verleihen seinem persönlichen religiösen Glauben Ausdruck. Bernstein kam als Nachfolger einer Rabbinerfamilie und Sohn eines tief gläubigen Vaters auf die Welt. Für seine geistliche Musik ist jedoch das Nebeneinander von jüdischem und christlichem Gedankengut bezeichnend. Nachdem er die Chichester Psalms in hebräischer Sprache vertont hatte, komponierte er eine Messe, der sowohl der lateinische Text des Ordinarium Missae als auch englische Texte zugrunde liegen. Er betrachte seine Messe - so äußerte er später - als eine “rein religiöse Aussage“, aber nicht als ein Werk, das “im Zusammenhang organisierter Religion“ aufgeführt werden sollte. Mahlers wie Bernsteins Wesen ist weiter die Vereinigung scheinbar extremer Gegensätze eigen: Die Vereinigung bohrender Intellektualität und exzessiver Emotionalität. Bei beiden paarte sich Gefühlsüberschwang mit zersetzendem Verstand. Diese Verwandtschaft im Wesen beider vermag vielleicht zu erklären, warum Bernstein ein genialer Mahler-Interpret geworden ist, der Mahlers Vortragsanweisungen und Intentionen erfaßte und kongenial in die Praxis umzusetzen vermochte. Seine Einspielungen Mahlerscher Werke bilden Marksteine in der Geschichte der Mahler-Interpretation. Herrlich ist Bernsteins Einfall zum Beispiel, das Solo im Finale der Vierten Symphonie von einem Knaben singen zu lassen. Zwar hatte Mahler an den Vortrag durch eine Sängerin gedacht; doch wollte er das Lied “mit kindlich heiterem Ausdruck“ vorgetragen wissen. Seine Popularität als Komponist verdankt Bernstein nicht nur seinem Musical “West Side Story“, das ein Welterfolg geworden ist, sondern nicht zuletzt der eigentümlichen Vereinigung verschiedener Stilarten in vielen seiner Werke. Eines seiner wichtigsten Anliegen war es, eine Brücke zwischen der ernsten und der unterhaltenden Musik zu schlagen. Es hat den Anschein, als wollte er die Klassik mit dem Jazz und der Popart versöhnen. In vielen seiner Kompositionen springt er plötzlich von der einen Stilart in die andere - ein Verfahren, das ihm den Vorwurf des baren Eklektizismus eintrug. Zu seiner Rechtfertigung verwiesen seine Anhänger darauf, daß Ähnliches sich bei Mahler ereigne, bei Mahler, in dessen Werken nach dem berühmten Diktum Theodor W. Adornos des öfteren die “untere Musik“ in die “hohe“ Kunst eindringt. Man muß freilich einräumen, daß dieser Vergleich, dieser Parallelismus ein wenig hinkt. Bernstein war erpicht auf Breitenwirkung, es ging ihm offenbar um die Schaffung einer echt amerikanischen neuen Musik, die mehrere Schichten der Bevölkerung ansprechen sollte. Er wollte eine Musiksprache schaffen, die unverkennbar amerikanisch klingt und meinte, die Zukunft der amerikanischen Musik läge wahrscheinlich in den Händen von Komponisten, die in beiden Welten zu Hause sind: in der des Jazz und in der des Konzertsaals. Interessant und aufschlußreich sind seine Erörterungen über das Wesen der Kunst. “Ich glaube“, so sagte er einmal, “dies ist der wichtigste Aspekt jeder Kunst - daß sie nicht vorsätzlich aus dem Kopf eines Menschen entstanden ist.“ Bernstein hielt wenig von rein intellektuell entstandener Musik. Er glaubte daran, daß der Komponist in einem tranceartigen Zustand empfange und daß fast alle Komponisten meistens im Liegen komponierten. Um diese seine Ansicht zu untermauern, berief er sich auf die Autorität von Carl Gustav Jung, sprach von Persona und Anima (er war im psychologischen Schrifttum gut bewandert ) und meinte, daß echte Kunst aus dem Unbewußten entstehe. Den wirklich wertvollen Stoff der Kunst bilde das wesentlich von Gott gesandte Visionäre. Ähnliche Ansichten hatte schon Mahler geäußert. Über die Entstehung der Achten Symphonie sagte er, er habe unter Zwang gearbeitet, es sei wie eine blitzartige Vision gewesen, das ganze sei sofort vor seinen Augen gestanden, und er habe es nur aufzuschreiben gebraucht - als ob es ihm diktiert worden wäre. Bedeutende Musik war für Leonard Bernstein nicht nur bloßes Klangspiel, sondern weit mehr. Die großen Kunstwerke unterscheiden sich seiner Ansicht nach von den anderen durch die einmalige und unverwechselbare Atmosphäre, die sie verbreiten. Wie Arnold Schönberg, glaubte er fest daran, daß bedeutende Musik eine Botschaft überbringe und er hatte auf recht intuitive Weise auch die Botschaft der letzten Symphonien Mahlers erfaßt. Seine Musik wurde - so meinte er - nach seinem Tod fünfzig Jahre vernachlässigt, weil die Botschaft, die uns die Neunte Symphonie überbrachte, eine Botschaft war, die die Welt nicht hören wollte. “Was war es, das Mahler gesehen hatte?“, fragte Bernstein, und er antwortete: “Drei Arten des Todes: Zuerst seinen eigenen bevorstehenden Tod, dessen Nähe er sich durchaus bewußt war . . . Zweitens den Tod der Tonalität, was für ihn den Tod der Musik an sich bedeutete, der Musik, wie er sie kannte und liebte . . . Und, schließlich seine dritte und wichtigste Vision: Der Tod der Gesellschaft, der Tod unserer faustischen Kultur.“ Und ich möchte schließen mit den Folgerungen, die Bernstein aus diesen Betrachtungen zog. “Wenngleich wir unsere Sterblichkeit akzeptieren“, meinte er‚ “so fahren wir doch in unserer Suche nach der Unsterblichkeit fort. Wir mögen glauben, daß alles vergänglich ist, sogar, daß alles vorüber ist: Dennoch glauben wir an eine Zukunft. Wir glauben.“
“In memoriam Leonard Bernstein“ Wir wußten uns durch Gustav Mahler mit Leonard Bernstein verbunden, wenn ich das so sagen darf. Wir werden es auch nach seinem Tode wahrscheinlich für immer sein. Die Spuren seines Wirkens sind so deutlich und zahlreich, er hat sich uns musikalisch, bildlich und auch durch das Wort so eingeprägt, daß es schwer vorstellbar ist, ihn jemals aus dem Gedächtnis und aus dem Herzen zu verlieren. Leonard Bernstein hat sich mit Gustav Mahler in mehrfachen Zusammenhängen identifiziert - er hat bekannt, daß er beim Dirigieren manchmal das Gefühl hatte, als habe er diese Musik selber komponiert, und das gilt besonders für Mahlers Symphonien und Vokalwerke: Das war für ihn ein geheimnisvoller Akt der Einswerdung. Identifiziert hat er sich mit Mahler vielfach unbewußt als Komponist und sehr prononciert auch als Jude. Er war vor allem auch als Mahler-Interpret groß, und wer ihn als Ausleger und Vorkämpfer Mahlers erlebte, dem sagte er sehr viel über sich selbst. Es war charakteristisch für ihn, daß Einsicht und Emotion, Gedanke und Einfühlung bei ihm nicht getrennt fungierten, sondern sich wechselseitig durchdrangen. Alle seine künstlerischen Lebensäußerungen wirkten verschwenderisch hingebungsvoll und nahezu unerschöpflich. Die Nachricht im Sommer, er habe eine Tournee wegen Erschöpfung absagen müssen, schien unglaubhaft. Seine rückhaltlose Hingabe wirkte inspirierend auf alle, die mit diesem einzigartigen Musikgenie zu tun hatten. Von allen bedeutenden Künstlern, die sich rühmend über die Zusammenarbeit mit ihm als Dirigenten geäußert haben, hat Christa Ludwig es am knappsten formuliert: “Er ist der Größte.“ Auf die Frage nach dem Ursprung seiner umfassenden Großartigkeit könnte Gustav Mahler selbst die Antwort geben. Sie lautet: “Ein allmächtiges Liebesgefühl.“ In dieser Formel faßte Mahler den Sinn seiner “Auferstehungssymphonie“ zusammen: Aus ihr erhellt, was „Urlicht“ bedeutet. Leonard Bernstein war von dem “allmächtigen Liebesgefühl“ glühend durchdrungen - seine Genialität lag in der Fähigkeit, aus dieser Fülle zu schöpfen und mit Geisteskraft und Klarheit aufs freigiebigste zu spenden, und in diesem Sinne war er ein Erleuchteter und ein Gesegneter. Den Zugang zu diesem Kraftquell mußte Leonard Bernstein freilich immer wieder von neuem in endloser Arbeit erkämpfen. Er war ein Suchender auch da, wo es ihn zur Philosophie, zur Pädagogik und unter vielem anderen auch zum politischen Engagement drängte. Und weil er ein Suchender und Lernender war, wußte er auch so gut, wie man denen weiterhelfen kann, die die Musik zu entdecken wünschen und sich in ihr wiederzufinden hoffen. Er hat unsere Bemühungen um Gustav Mahler, die Gründung und die Ziele unserer Vereinigung sofort bejaht, als ich ihn in der Salzauer Musikfestival-Scheune nach einer Orchesterprobe im Sommer 1988 darum bat, unser Ehrenmitglied zu werden. Es schien mir ein gutes Vorzeichen, daß auf dem Tischchen, an dem er saß, eine kleine Vase mit roten Rosen stand. Später, in Neumünster, willigte er im Gespräch mit mir dann ein, unser Ehrenpräsident zu werden, mit den unvergeßlich freundlichen Worten: “That’s the least I can do for you, my dear! (Das ist doch das geringste, was ich für Sie tun kann, mein Lieber!)“ Seine Ehrenpräsidentschaft war eine große Auszeichnung für uns, und sie wird uns symbolisch erhalten bleiben. Wir bestätigten Leonard Bernstein die These seines Essays, dessen Überschrift lautet: “Seine Zeit ist gekommen!“ Der Titel ist eine Variation von Gustav Mahlers Prophezeiung: “Meine Zeit wird kommen.“ Leonard Bernstein sah in Mahler einen Koloß, der mit dem linken Fuß im 19. Jahrhundert steht und mit dem rechten die Schwelle zum 20. Jahrhundert überschreitet, einen Seher, der alles Unheil unseres Jahrhunderts voraussah und in seiner Musik ankündigte. Er sah ihn janusköpfig, doppelgesichtig und sagte: “Es war Mahler auferlegt, den phantastischen Schatz der deutsch-österreichischen Musik von Bach bis Wagner zusammenzufassen, einzuschreinen und zu bestatten. Er holte sich alle Grundelemente der deutschen Musik, auch ihre Klischees, und nötigte sie bis an die äußerste Grenze ihrer Möglichkeiten . . . Mahler ist deutsche Musik mal unendlich . . . er war ein Gefolterter, ein Gespaltener, dessen Augen auf die Zukunft gerichtet waren und dessen Herz der Vergangenheit gehörte . . . Mahler wurde die Ehre zuteil, das letzte Wort haben zu können, den letzten Seufzer zu hauchen, die letzte Träne zu vergießen, das letzte Lebewohl sagen zu dürfen . . .“ Es war dem Allround-Künstler Leonard Bernstein gegeben, auf verschiedene und unzählige Menschen beglückende Weise eine beispiellos weit reichende Breitenwirkung zu erreichen. Seine Teilhabe an der Musical-Sphäre mindert seine Größe nicht. Was er mit seinem berühmten Werk erreichte, bekräftigt vielmehr diese Größe: Das Musical mit dem unübersetzbar amerikanisch-newyorkischen Titel ist von allen bisher geschriebenen Musicals bei weitem das kompositorisch kunstvollste. Die „West Side Story“ macht ihn so unsterblich wie „Carmen“ Georges Bizet verewigt. Es wäre jedoch ungerecht, den Komponisten Leonard Bernstein auf seinen größten Erfolg zu reduzieren. Einige Zeit vor der “West Side Story“ schrieb er eines seiner schönsten und persönlichsten Werke - die „Serenade für Solo-Violine, Streichorchester, Harfe und Schlagzeug“ nach Platons Symposium. Er widmete sie “Dem liebevollen Gedenken an Sergej und Natalie Koussevitzky“. Am Tage nach der Vollendung der Partitur, am 8. August 1954, notierte er dies als Vorwort: „Für diese Serenade gibt es kein literarisches Programm, trotz der Tatsache, daß sie nach dem Wiederlesen von Platons „Symposium“ entstand. Die Musik besteht, wie die Dialoge, aus einer Reihe von miteinander zusammenhängenden Thesen, die die Liebe preisen, und sie folgt in der Form der Reihenfolge der Redner bei Platon. Erster Satz: Phaidros / Pausanias (Lento - Allegro) Über Agathons Rede heißt es in Bernsteins Vorwort zu seiner Serenade: “Vielleicht ist es die bewegendste von allen, Agathons Lobpreis umfaßt alle Aspekte der Liebe, ihrer Macht, ihres Charmes und ihrer Wirkung. Dieses Adagio ist ein einfaches dreiteiliges Lied.“ Leonard Bernsteins Musik klingt, wie mir scheint, nicht nur an das Murmeln des Baches im „Lied von der Erde“ an, sondern auch an die Stimmung des „Adagiettos“ aus Mahlers Fünfter Symphonie. Vielleicht ist der Keim zu dieser Serenade in den Violin-Soli der zweiten Nachtmusik, dem „Andante amoroso“, aus Mahlers Siebenter Symphonie zu finden. Lassen Sie mich ein paar Sätze aus Platons “Gastmahl“, und zwar aus Agathons Rede, in der Übersetzung Friedrich Schleiermachers, zitieren: “Da kommt mir eben in den Sinn, in gebundener Rede etwas zu sagen, daß nämlich Eros es ist, der bewirkt: Unter den Menschen Fried‘ und spiegelnde Glätte dem Meere, Schweigen der Stürm‘ und erfreuliches Lager und Schlaf für die Sorgen. Eros aber befreit uns von der Entfremdung und spendet uns Vertrautheit in Fülle . . . Mildheit verleihend, Wildheit zerstreuend, der Begründer des Wohlwollens und Verhindrer des Übelwollens, huldvoll den Guten, geachtet von Weisen, geliebt von Göttern, ersehnt von den ihn Begehrenden, erwünscht von den ihn Besitzenden, der Vater der Fülle, der Feinheit, der Anmut, des Sehnens, sorgend um Gute, sorglos um Schlechte, in Plagen und Zagen, in Sehnen und Sinnen der beste Lenker und Leiter, Berater und Retter, aller Götter und Menschen Zier, als Führer der Schönste und Beste, dem jedermann folgen muß, lobsingend und in den Gesang einstimmend, den der Gott anstimmt, aller Götter und Menschen Sinn bezaubernd. Wo aber ein blumiger und duftiger Ort ist, da sitzt er nieder und bleibt.“ Die Ansprachen wurden gehalten auf der Mitgliederversammlung am 16. November 1990 im Saal E der Musikhalle Hamburg.
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